Der Untergrund in deutschen Städten wird zunehmend voller. Die Zunahme von Kabeln und Leitungen durch die Energiewende, die Digitalisierung (wie Glasfaser) und den Ausbau von Wärmenetzen setzt den verfügbaren Raum stark unter Druck. Gleichzeitig wollen wir mehr Bäume und Grün pflanzen, um Städte klimaresilienter und lebenswerter zu machen. Das bedeutet auch, dass Wurzelsysteme mehr Platz benötigen. Diese beiden Entwicklungen geraten immer häufiger in Konflikt, da Wurzeln und Versorgungsleitungen denselben unterirdischen Raum teilen. Die Herausforderung ist klar: Wie schützt man die unterirdische Infrastruktur, ohne Bäume zu schädigen?
Warum verursachen Baumwurzeln Probleme bei Kabeln und Leitungen?
Baumwurzeln suchen aktiv nach Sauerstoff, Wasser und Nährstoffen. Sie sind opportunistisch und folgen immer dem Weg des geringsten Widerstands. Wenn im Untergrund wenig durchwurzelbarer Raum vorhanden ist oder die Bodenstruktur schlecht ist, können sich Wurzeln entlang bestehender, offener Strukturen ausbreiten – wie Kabel- oder Leitungsrouten.
Welche Folgen hat der Konflikt zwischen Baumwurzeln und Kabeln/Leitungen?
Schäden durch den Konflikt zwischen Bäumen und unterirdischer Infrastruktur können sich in verschiedener Form zeigen, wie Kabelbrüche, Leckagen, Wurzelaufbruch und instabile Bäume. Werden Kabel oder Leitungen ohne geeigneten Schutz oder ohne Berücksichtigung der Bäume verlegt, steigen die Risiken:
- Schutzrohre oder Ummantelungen um Kabel können schwach sein oder Lücken aufweisen, wodurch Wurzeleinwuchs möglich wird. Dies kann Verbindungen lockern oder beschädigen.
- Bodenverdichtung oder ungünstige Bodenstruktur um Kabeltrassen verringert den durchwurzelbaren Raum und zwingt Wurzeln in Bereiche, in denen Kabel und Leitungen liegen.
- Kabel und Leitungen schränken oft den Wurzelraum der Bäume ein, was zu unzureichend entwickelten Wurzelsystemen und instabilen Bäumen führt.
- Verflochtene Wurzeln können Leitungen verschieben oder verformen, was zu Leckagen und Störungen führt.
- Wurzelaufbruch kann Pflaster anheben oder zum Reißen bringen.
- Fehlt eine physische Barriere (wie eine Wurzelsperre), können Wurzeln ungehindert in Richtung Infrastruktur wachsen.
Was kostet die nachträgliche Schadensbehebung?
In der Praxis werden Schäden oft durch Abschneiden von Wurzeln oder lokale Reparaturen an Kabeln und Leitungen behoben. Das scheint effektiv, bietet aber keine dauerhafte Lösung. Diese Vorgehensweise schwächt den Baum oder fördert neues Wurzelwachstum an derselben Stelle.
Grabungsschäden und direkte Reparaturkosten
Schäden an Kabeln und Leitungen im öffentlichen Raum verursachen in den Niederlanden jährlich direkte Reparaturkosten in Höhe von mehreren zehn Millionen Euro. Nach Untersuchungen der Rijksinspectie Digitale Infrastructuur (2025) wurden im Jahr 2024 fast 50.000 Grabungsschäden registriert, was direkten Reparaturkosten von mehr als 57 Millionen Euro entspricht. Hinzu kommen indirekte Kosten, etwa durch Verkehrsbehinderungen, Notreparaturen außerhalb der regulären Arbeitszeiten sowie Schadensersatzansprüche infolge von Dienstausfällen. Diese Kosten können deutlich höher ausfallen als die Reparaturkosten selbst.
Gesellschaftliche Schadenskosten
Auch größere Störungen können erhebliche gesellschaftliche Schäden verursachen. In einer Studie von SEO Economisch Onderzoek (2018) wird beschrieben, dass die gesellschaftlichen Kosten von Stromausfällen erheblich sind. Der Bericht verweist auf eine frühere Schätzung von rund 72 Millionen Euro pro Stunde Stromausfall in der Randstad während der Tagesstunden, basierend auf Daten aus dem Jahr 2001, mit dem Hinweis, dass diese Kosten seitdem wahrscheinlich gestiegen sind.
Wer haftet bei Schäden an Kabeln und Leitungen?
Aus der Uniforme Nederlandse Ondergrondse Grondroerdersregeling (UNOG, 2024) geht hervor, dass dann, wenn ein Netzbetreiber Schäden an Befestigungen oder Grünflächen verursacht, sämtliche Reparatur- und Folgekosten diesem Netzbetreiber in Rechnung gestellt werden. Dazu gehören auch die Wiederherstellung von Pflasterflächen und die Instandsetzung von Grünanlagen. Rechtlich kann die ausführende oder betreibende Partei für Folgeschäden an Befestigungen, Grünflächen und unterirdischer Infrastruktur haftbar gemacht werden, wenn nicht nachweislich sorgfältig gemäß den geltenden Richtlinien gehandelt wurde. Nach Angaben des Centrum Ondergronds Bouwen (2024) lässt sich dies in der Praxis durch eine gute Planung und frühzeitige Abstimmung weitgehend vermeiden, während Reparaturen häufig auf Notmaßnahmen hinauslaufen. Letztere sind strukturell teurer und risikoreicher.
Wie schützt man Kabel und Leitungen nachhaltig?
Eine nachhaltige Lösung bekämpft Wurzeln nicht, sondern lenkt ihr Wachstum. Indem Wurzeln von Anfang an in die richtige Richtung geführt werden, lassen sich Konflikte mit der unterirdischen Infrastruktur vermeiden.
Methode 1: Wurzelsperre und Wurzelführung
Wurzelsperren und Wurzelführungen sind bewährte Methoden, um Wurzelschäden wie Aufbruch und Beschädigung von Versorgungsleitungen zu verhindern oder zu mindern. Sie vermeiden hohe Reparaturkosten, Sicherheitsrisiken und rechtliche Probleme. Diese unterirdischen, nahezu unsichtbaren Systeme funktionieren einfach und effektiv. Laut dem „Handbuch Bäume“ (Norminstituut Bomen, 2022) werden Wurzelsperren und Wurzelführungen vor allem dort eingesetzt, wo der unterirdische Raum begrenzt ist oder Wurzeln nicht in Zonen mit Kabeln, Leitungen oder Pflaster eindringen dürfen – etwa bei Baumpflanzungen in engen Profilen oder in der Nähe wichtiger Infrastruktur.
Wann setzt man Wurzelsperren und Wurzelführung zum Schutz von Kabeln und Leitungen ein?
Als Faustregel gilt: Wurzelführung (z. B. Tree Root Guiding) wird innerhalb von 2 Metern vom Baum eingesetzt. Wurzelsperre (z. B. RootBlock oder RootControl) wird verwendet, wenn außerhalb von 2 Metern eine Barriere erforderlich ist. Im Gegensatz zur Wurzelsperre kann die Wurzelführung die Stabilität des Baumes innerhalb von 2 Metern gewährleisten.
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Wurzelsperre |
Wurzelführung |
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Bildet eine physische Barriere zwischen Baumwurzeln und unterirdischen Leitungen. |
Bildet eine physische Barriere zwischen Baumwurzeln und unterirdischen Leitungen. |
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Verhindert Wurzelaufbruch. |
Verhindert Wurzelaufbruch. |
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Platzierung innerhalb von 2 Metern vom Baum möglich. |
Nicht möglich, innerhalb von 2 Metern vom Baum zu installieren (Faustregel: ab 2 Metern). |
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Sorgt dafür, dass die Wurzeln nach unten geleitet werden und unter der Platte in horizontaler Richtung weiterwachsen. |
Blockiert die Wurzeln und sorgt dafür, dass sie auf gleicher Höhe an der Wand entlang wachsen. |
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Wenn ein Wurzelschirm in einem Abstand von weniger als 2 Metern zum Baum angebracht werden muss, sorgt die Wurzelführung für die Stabilität des Baumes (indem die Wurzeln unter dem Panel weiterwachsen können). |
Wenn ein Wurzelschutz in einem Abstand von weniger als 2 Metern zum Baum angebracht werden muss, kann die Wurzelsperre die Stabilität des Baumes nicht gewährleisten (weil die Wurzeln am weiteren Wachstum gehindert werden). |
Methode 2: Wurzelmanagement-System als Kabelkanal
Ein Wurzelmanagement-System ist eine unterirdische Konstruktion, die Bäumen im Pflaster einen optimalen Wachstumsraum bietet – mit Belüftung, Bewässerung, Stabilität, Nährstoffen und Wurzelführung. Die Konstruktion trägt schwere Verkehrslasten, verhindert Bodenverdichtung und ermöglicht freies Wurzelwachstum. Der Raum wird oft mit speziellem Baumsubstrat gefüllt, das wasserdurchlässig und nährstoffreich ist. Das System besteht aus modularen Elementen unterhalb der Oberfläche.
Wie kombiniert man das Wurzelmanagement-System mit Kabeln und Leitungen?
Das Wurzelmanagement-System kann intelligent mit Infrastruktur kombiniert werden. Eine „Spur“ des Systems wird gezielt für die Nutzung als Kabel- und Leitungstrasse freigehalten. In dieser Trasse werden die Kabel und Leitungen übersichtlich angeordnet und dauerhaft zugänglich verlegt. Anschließend wird dieser Raum von einer TreeRaft-Konstruktion umschlossen, deren Außenseite mit Combigrid verstärkt ist. Dabei handelt es sich um ein Geotextil mit schwerer Bewehrung, das für zusätzliche Stabilität sorgt und einen wirksamen Schutz gegen Erddruck bietet.
Wenn ein Baum in einem Wurzelmanagement-System gepflanzt wird, das mit einem Kabelkanal kombiniert ist, empfiehlt es sich, auf beiden Seiten des Kabelkanals eine Wurzelsperrwand an der Außenseite der jeweiligen Spur einzubauen. Diese kann in unterschiedlichen Höhen ausgeführt werden, abhängig von der Einbauhöhe des Wurzelmanagement-Systems. Die Wurzelsperrwand verhindert das Eindringen von Baumwurzeln in den Kabelkanal und lenkt das Wurzelwachstum gezielt in die gewünschte Richtung.
So fungiert das Wurzelmanagement-System nicht nur als optimaler Wachstumsraum für Bäume, sondern zugleich als integrierte Lösung für unterirdische Infrastruktur. Es bietet eine effiziente Möglichkeit, Platz zu sparen und Wurzelkonflikte mit Kabeln und Leitungen dauerhaft zu vermeiden.
Integriertes Planen mit dem Baum und unterirdischer Infrastruktur
Nach Angaben des Instituut voor de Gebouwde Omgeving (IGIB) droht den Niederlanden ein „unterirdischer Stillstand“. Immer mehr Funktionen wie Energieversorgung, Entwässerung, Stadtgrün und Dateninfrastruktur konkurrieren um denselben begrenzten Raum, ohne dass eine gut abgestimmte räumliche Strategie vorhanden ist. Kommunen und Netzbetreiber erkennen dieses Problem an, doch in der Praxis fehlt häufig die integrale Abstimmung zwischen Planung, Ausführung und Betrieb. Ein zukunftsfähiger öffentlicher Raum erfordert eine strukturelle Zusammenarbeit zwischen der Grün und der Infrastruktursektor, von der Planung über die Umsetzung bis hin zum Management.
Zusammenfassende Schlussfolgerung
Der Konflikt zwischen Baumwurzeln und unterirdischer Versorgungsinfrastruktur entsteht vor allem durch Platzmangel im Untergrund sowie durch fehlende integrale Planung, Abstimmung und räumliche Steuerung. Bäume werden in denselben unterirdischen Raum gepflanzt, in dem sich auch Energie, Wasser und Dateninfrastruktur befinden, ohne dass die beteiligten Disziplinen frühzeitig aufeinander abgestimmt werden. Dies führt zu Wurzelaufbrüchen, Kabelschäden, Leckagen und instabilen Bäumen, mit sehr hohen Reparaturkosten, rechtlichen Auseinandersetzungen und gefährlichen Situationen für Anwohner und Beschäftigte als Folge.
Es stehen bewährte technische Lösungen zur Verfügung, um unterirdische Konflikte zu vermeiden:
- Wurzelsperren und Wurzelführung, um das Wurzelwachstum kontrolliert von Kabeln, Leitungen oder Befestigungen wegzulenken.
- Wurzelmanagement-Systeme mit integrierter Kabeltrasse, bei denen ausreichender Wurzelraum für Bäume mit der Zugänglichkeit für unterirdische Infrastruktur kombiniert wird.
Diese Methoden sind modular aufgebaut, wartungsfreundlich und zukunftsorientiert. Nur durch Wissensaustausch, integrales gemeinsames Planen und die Übernahme gemeinsamer Verantwortung kann die unterirdische Infrastruktur dauerhaft sicher und funktionsfähig gehalten werden, während Bäume gleichzeitig gesund altern und ihre ökologische Funktion erfüllen können.


